Jeder kennt es: Ende der Kreidezeit, großes Massenaussterben, Dinosaurier weg, wirklich übel. Und schuld war der Meteorit. Alles Weitere geht über das Allgemeinwissen hinaus: dass die Vögel nicht durchweg die überlebenden Dinosaurier waren, sondern viele Vogelgruppen ebenfalls vollständig ausstarben; dass die Flugsaurier verschwanden und mit ihnen die Plesiosaurier und Mosasaurier der Ozeane. Das vielleicht bedeutendste Aussterben unter den Wirbellosen traf die Ammoniten, denn sie waren fester Bestandteil mariner Ökosysteme, lange bevor die meisten Wasserreptilien auftraten.
Ammoniten sind keine Tintenfische. Erkennbar verwandt sind sie allerdings. Sie sind auch keine Nautiliden, selbst wenn die eingerollte Schale mit dem darin schwebenden Körper das nahelegen mag. Ammoniten sind eben Ammoniten, mit einem eigenen Schalentyp, höchstwahrscheinlich zehn Armen – und entgegen vielen Darstellungen ohne Saugnäpfe daran! Die streng mathematisch eingerollte Form wich besonders in der Kreidezeit manch gestreckter oder mitunter noch verrückterer Gestalt. Auch wenn einige der Ammoniten in diesem Bild sichtlich leiden: Die Form ihrer Schalen ist stets recht gesund gewachsen. Bis zu diesem einen Tag …
Die meisten von Ihnen haben längst erraten, dass dies ein eher symbolisches Bild ist, anachronistisch oder diachron. Es zeigt bewusst ins Auge fallende Elemente des Aussterbeereignisses. Diese Zusammenstellung wäre Ihnen so gewiss nie begegnet. Ich meine damit nicht einmal, dass der Meteorit gerade erst eingeschlagen ist, während an Land bereits das Feuer wütet und das Meer vom Bombardement der Trümmer verwüstet wird. Bis hierhin ist es einfach ein Comic ohne Rahmen. Entscheidend ist, dass viele Menschen Massenaussterben mit Massensterben gleichsetzen. Das ist schlicht falsch. Die Zeitspanne dieses Nicht-Comics muss daher weiter gefasst werden.
Aussterben, oder Massenaussterben, wenn viele Arten von demselben Szenario betroffen sind, bezeichnet den Rückgang von Populationen, sodass die Sterberate die Fortpflanzungsrate übersteigt. Viele Massenaussterben hätten wir (in unserer gedachten Zeitmaschine) gar nicht als Leichenfelder erlebt. Ausgerechnet die Ammoniten überdauerten das Ende der Kreide noch ein wenig. Die letzten Arten hielten sich nicht als einzelne Individuen über Hunderttausende von Jahren, aber ihre Populationen gingen zurück. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Massensterben, wie es etwa bei Sauerstoffmangel in einem See oder nach vulkanischem Ascheregen möglich ist.
Das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit (vor 66 Millionen Jahren, nicht 65) ist weder das einzige große noch das schwerste aller Zeiten, und Aussterbeereignisse verliefen auch nicht immer so verheerend. Dieses eine ist berühmt, erstens wegen unseres tragischen Verlusts der großen Dinosaurier. Zweitens, weil hier tatsächlich kurzfristige Katastrophen eine Rolle spielen. Das Ende der Kreide lässt sich ebenso durch vulkanische Erscheinungen erklären, einschließlich der globalen Iridium-Anomalie. Es beruht also nicht allein auf dem Einschlag, nur weil die nordamerikanische Sichtweise das als Teil ihrer Popkultur verinnerlicht hat.
Dennoch soll das den gewaltigen Einschlag im Golf von (Achtung!) Mexiko nicht kleinreden. Die Sedimente vom Boden des Atlantiks zeigen deutlich, dass die Mikroorganismen oberhalb einer für den Meeresboden untypischen Auswurfschicht ökologisch unter Druck stehen: Sie sind seltener, kleiner und weit weniger vielfältig. Es steht außer Frage, dass der Einschlag einer der Sargnägel für Dinosaurier und Ammoniten war. (Nebenbei verdanke ich viele Angaben einem lohnenden Vortrag von Dr. Christina Ifrim, die ebenso gespannt darauf ist, ob sich aus dem Zentrum des Kraters Proben bergen lassen, um zu belegen, dass sie noch in die Kreidezeit datieren.)
Aber warum wurden die Ammoniten auf diese Weise erledigt, unmittelbar oder später? Ihre Fortpflanzungsstrategie war eigentlich geeignet, widrige Lagen zu überstehen. Sie waren überwiegend klein oder mittelgroß und konnten offensichtlich alles fressen, was in ihre kleinen Münder passte. Und ihre Fortpflanzung setzte auf Menge statt Klasse: Ein einzelnes Weibchen legte in jedem Zyklus Hunderte, wenn nicht Tausende winziger Eier. Das ist der Schluss aus den wiederholt gefundenen mikroskopischen Ammonitenlarven.
Möglicherweise war ihr wunder Punkt, dass sie die Eier als Gelege an der Wasseroberfläche treiben ließen. Auch für diese Strategie gibt es Hinweise. Trifft das zu, wären über lange Zeiträume ungeheure Mengen von Embryonen allen ungünstigen Einflüssen der Langzeitkatastrophe ausgesetzt gewesen. Klimaschwankungen, Meereschemie, Giftstoffe in der Atmosphäre, Staub, verdorbene Planktonnahrung oder gestörte Schalenbildung – die Möglichkeiten sind zahlreich. Den Meteoriteneinschlag hätten die Ammoniten vermutlich als eine weitere Krise überstanden. Zusammen mit den Supervulkanen wurde daraus jedoch ein tödliches Drama über Jahrtausende, das an einem wirklich schlechten Tag jenes Frühjahrs begann.
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