Elvis kannte ich von Fotos: das einzige Fossil jenes Flugsauriers, der inzwischen den Namen Petrodactyle trägt. Ich wusste auch, dass er zu den größten Vertretern des Jura gehört, von denen mehr als ein paar Bruchstücke bekannt sind – in diesem Fall sogar ein nahezu vollständiges Skelett. Leibhaftig vor dem Exemplar zu stehen, war dann aber doch noch einmal sehr eindrucksvoll. Vor allem, weil ich mir schon nach wenigen Augenblicken ein atmendes, zuckendes Tier vorstellen kann. Dieses hier ist wahrhaft exotisch und mit über zwei Metern Flügelspannweite deutlich größer als die meisten heutigen Vögel.

Besonders groß ist der knöcherne Kamm, dessen Fasern bei Petrodactyle so auffällig nach vorn gebogen sind. Inzwischen ist bekannt, dass dieses vielgestaltige Organ bei fast allen Untergruppen der Flugsaurier vorkam, von den frühesten Arten der Trias an. Häufig sind sie wie schmale Hauben geformt, mitunter als Leisten. Oft sind sie knöchern, manchmal aus Horn oder anderem Weichgewebe. Bei Petrodactyle dürfen wir annehmen, dass es eine Verbindung aus beidem war. Denn mehrere Vergleichsfunde weisen auf zusätzliche Hautsegel hin, für die ein solcher Knochenkamm nur die tragende Grundlage bildet.

Es gibt einen erdgeschichtlich etwas älteren Flugsaurier des Jura, der offenbar überhaupt keinen Kamm trug, dafür aber ein legereifes Ei. Wir dürfen daher annehmen, dass die vielen Schädel ohne Kamm von Weibchen stammen oder von noch nicht ausgewachsenen Tieren. Natürlich könnte es auch Arten ganz ohne Kopfschmuck gegeben haben. So verbreitet dieser jedoch ist, wäre das für die meisten Flugsauriertypen die unwahrscheinlichere Annahme.

Wenn die Knochenkämme also geschlechtsdimorph sind, dienten sie vermutlich der sozialen Signalgebung: farbig oder gemustert, oder einfach schön groß, sollten sie rivalisierende Männchen einschüchtern, vor allem aber die Weibchen begeistern. Hinzu kommt der Handicap-Effekt: Solche Kämme – und die Malerei hier ist keineswegs übertrieben! – müssen bei Seitenwind zwangsläufig hinderlich gewesen sein. Wenn ein Schmuckmerkmal tatsächlich ein Hindernis darstellt, das ein potentes Männchen mit Zeit, Kraft oder Sicherheit bezahlt, dann zeigt es umso deutlicher, dass es solchen Herausforderungen gewachsen ist. Ein klassisches Beispiel von heute ist der Pfau: Er fliegt mit seiner langen Schleppe schlechter und zieht die Aufmerksamkeit jedes Tigers auf sich. So erkennt man die harten Burschen. Es belegt die Tauglichkeit der Gene.

Bei vielen Tiergruppen wurde ein Zusammenhang zwischen Kopfschmuck – oder sozialer Signalgebung überhaupt – und Gruppenleben beobachtet. Bislang gibt es allerdings keinen Beleg dafür, dass Flugsaurier sich besonders gut um ihre Jungen kümmerten. Sie wurden außerordentlich schnell flügge und waren ganz sicher keine Nesthocker, was eine Antwort so schwierig macht. Ein kleiner Flugsaurier des Jura mit verheiltem Beinbruch lässt sich als Argument dafür anführen, dass Artgenossen ihn gefüttert haben müssen. Das stützt sich auf die vielen verheilten Brüche der Säbelzahnkatzen aus den pleistozänen Teergruben von Los Angeles. Möglich ist es durchaus. Wenn ich mir aber verletzte Vögel ansehe, kommen die manchmal recht gut allein zurecht. Da war dieser Clip vom einbeinigen Strandläufer, der so schnell war wie der ganze Schwarm um ihn herum – nur musste er sein Futter selbst finden …

Und wieder hat ein einziges Fossil eine ganze kleine Gedankensafari durch die Paläontologie ausgelöst! Und jetzt hören Sie das Rauschen des Meeres – verscheuchen Sie den Petrodactyle nicht, er ist ein seltener Anblick!

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