Die Edaphosauridae gehören zu den „Pelycosauriern“, frühen Synapsiden und damit den ersten Vertretern der Säugetierlinie, kurz nach der Trennung von der Reptilienlinie. Es überrascht daher kaum, dass sie oberflächlich diese leguanartigen Proportionen haben, denn so viel Evolution in Richtung echter Säugetiere hat noch nicht stattgefunden. Der gemeinsame Vorfahre mit den Reptilien dürfte vor etwa 320 Millionen Jahren gelebt haben. Nur rund 15 Millionen Jahre später gab es klar erkennbare Edaphosauridae. Klar erkennbar heißt hier: Rückensegel aus verlängerten Dornfortsätzen. Anders als beim fleischfressenden Dimetrodon trugen die langen Knochenstäbe (bei nahezu allen Edaphosauriern) zusätzlich seitliche Zacken, die der Abwehr von Räubern gedient haben könnten. Sicher ist das nicht, ebenso wenig wie die ganze Frage nach der Funktion der Rückensegel.
Edaphosaurus selbst ist an einigen Fundstellen im Süden der Vereinigten Staaten eine erwartbare Gattung. Fünf Arten werden unterschieden, die vom Ende des Karbons bis zum Ende des Unterperms immer größer wurden und über drei Meter Gesamtlänge erreichten. Neben einigen weiteren Gattungen mit spärlicher Überlieferung gibt es mehrere Funde von Ianthasaurus, einer eher ursprünglichen Gattung. Während Edaphosaurus für seine Zeit ein hochentwickelter Pflanzenfresser war und die übrigen Edaphosaurier ähnliche Anpassungen teilen, scheint Ianthasaurus Tiere erbeutet zu haben, zumindest in seinen Jugendstadien. Insgesamt ergibt das ein schönes und nachvollziehbares Evolutionsbild, das diese geologisch älteste Gruppe der Faserfresser beleuchtet. Und all das scheint sich fast ausschließlich in Nordamerika abgespielt zu haben.
Vor einigen Jahren wurde in Deutschland eine etwas chaotische, aber strukturell gut erhaltene Wirbelsäule eines Edaphosauriers entdeckt. Ihr Alter liegt etwa an der Karbon-Perm-Grenze, stammt also bereits aus der Zeit der Edaphosaurus-Arten, ist aber noch früh genug, um weitere Einblicke in die Stammesgeschichte der ganzen Gruppe zu geben – das war jedenfalls unsere Hoffnung zu Beginn der Studie. Zunächst musste das ganze Bündel verlängerter Dornen entwirrt werden, eine Art virtuelles Mikado. Eine Nahansicht davon zeigt die Abbildung rechts. Das Ergebnis war der (bisher) vollständigste Fund eines größeren Edaphosauriers in Europa und überhaupt außerhalb der USA. Anhand einiger abweichender Einzelheiten konnten wir das Fossil außerhalb der Gattung Edaphosaurus einordnen. Wir benannten die neue Gattung Remigiomontanus, nach dem Steinbruch am Remigiusberg, wo sie gefunden wurde. Das größte der grünen Skelette in der Abbildung zeigt, was erhalten ist. Die wenigen Zehen haben sich inzwischen als Irrtum erwiesen; es bleiben also ein Satz Halsrippen, Brustkorb und Lendenrippen, genug vom Rücken für eine solide Rekonstruktion des Segels und sehr wenige Schwanzwirbel. Anatomisch und in der Größe ist er ein perfekter Vorfahre von Edaphosaurus, ohne Besonderheiten (Autapomorphien). Zum Vergleich sehen Sie den großen grauen: Das ist der bestbekannte Edaphosaurus, und nicht einmal der größte.
Wir nahmen die Studie zum Anlass, sämtliche Edaphosaurier aus Europa (in Grün) zu untersuchen. Es sind nicht viele. Ein Segelfragment lässt sich nicht bestimmen, übertraf Remigiomontanus aber an Größe (nicht abgebildet). Es gibt zwei Jungtiere, eines mit einem fast erwachsen wirkenden Rückensegel (was Signalwirkung bei der Partnerwahl als Hauptfunktion ausschließt). Das andere zeigt einen Schädelknochen, der eindeutig auf Edaphosaurus weist. Der historisch wie geologisch älteste Fund Europas besteht aus einem einzigen Wirbel. Da sich mehrere Einzelheiten von Ianthasaurus unterschieden, wurde eine neue Gattung vorgeschlagen. Man könnte streiten, ob das anhand eines einzelnen Knochens sinnvoll ist. Da für das Stück jedoch bereits mehrere Namen kursierten, war die Frage, ob es überhaupt einen wissenschaftlichen Namen tragen sollte, längst vorweggenommen. Die neue Gattung Bohemiclavulus wurde vom Nationalmuseum in Prag rasch übernommen, wo das Original und eine recht gute Nachbildung dieses ursprünglichen Edaphosauriers ausgestellt sind.
Der graue Rest steht für bekannte Individuen von Ianthasaurus und ähnliches Material. Das war nötig, weil es erstens keine solche Übersicht gab und weil zweitens die Bandbreite innerhalb der Gattung zu klären war. Ianthasaurus zeigt durchaus Variabilität, einschließlich wachstumsbedingter Abweichungen. Es ist noch nicht alles daran geklärt. Der Nachweis von Bohemiclavulus war die Mühe auf jeden Fall wert. Unterm Strich ist Ianthasaurus nicht ganz der ideale Vorfahre der Linie Remigiomontanus–Edaphosaurus. Schon der Ursprung aller Edaphosaurier scheint komplizierter zu sein, als nur diesen Segeltyp zu entwickeln und dann in geradlinigen Trends zu Edaphosaurus zu führen.
Abgesehen von der unterschiedlichen Überlieferungsdichte lassen sich keine wesentlichen Unterschiede zwischen Amerika und Europa erkennen. Ein gut verbundenes Verbreitungsgebiet erstreckte sich vermutlich über die tropischen Sümpfe von Karbon und Perm.
Diese Geschichte geht weiter, denn in absehbarer Zeit wird Remigiomontanus in die Riege der wirklich gut bekannten Pelycosaurier aufsteigen.



