In der Evolutionsgeschichte sind Unschärfen eigentlich zu begrüßen. Was wäre besser als verwischte Grenzen? Denn das bedeutet, dass wir mehr von der tatsächlichen Geschichte sehen. Fragen wir zum Beispiel, wann die ersten Vögel auftraten, und Sie erinnern sich an Archaeopteryx, jenen berühmten Urvogel aus Bayern mit langer Schwanzwirbelsäule, bekrallten Fingern und Zähnen, dann sagen Sie: Die ersten Vögel traten im Jura auf. Und einerseits ist diese Antwort vollkommen richtig, nämlich dann, wenn Sie sich (vielleicht unbewusst) auf die Gruppe der Avialae beziehen, also Vögel im weitesten Sinne, und wie Sie richtig bemerkt haben, ab dem Jura. Sogar ein wenig vor Archaeopteryx, denn nach Ihrer Aussage ist er bereits ein Vogel, und irgendwann musste er entstanden sein.
Kurz gesagt: In mancher Hinsicht haben Sie recht. In anderer Hinsicht liegen Sie aber völlig falsch, denn gerade weil alle Baupläne Zeit brauchen, um sich allmählich zu entwickeln – ob schnell oder langsam, aber fast immer allmählich –, könnten Sie bei der Betrachtung der Evolution nie genau sagen, wo die Grenze liegt. An welchem Tag vollführte ein bestimmter Vorfahre der Avialae jenen Sprung oder Gleitflug, der ein wenig mehr eigenen Antrieb nutzte? In welchem Jahr entwickelte ein bestimmtes Mitglied der Gruppe das eine fehlende Skelettmerkmal, das die Beschaffenheit seiner gesamten Nachkommenschaft sichtbar und wesentlich veränderte? Anders gesagt: Selbst wenn Sie nur einen Zeitraum von hunderttausend Jahren betrachten und absolut alles darüber wissen, können Sie einer Art nur eine geringfügige Veränderung bescheinigen. Sie mag sichtbar sein, vielleicht sogar eine Schlüsselanpassung. Aber die Art in Ihrer Untersuchung hat ihre gesamte Beschaffenheit nicht verändert.
Nun können wir für die Überlieferung keine durchgehende Beobachtung beanspruchen, sondern nur eine Reihe winziger Einblicke. Und doch ist der Ursprung der Vögel inzwischen so gut bekannt, dass wir verwischte Grenzen sehen. Wo genau sollten wir sagen: Dies ist ein Vogel, jener noch nicht? Jedes einzelne Merkmal könnte mehrfach auftreten und wieder verschwinden. Und selbst wenn nicht, hält eine andere Fachperson womöglich ein anderes Merkmal für maßgeblich. Die vertrauten Merkmale der Vögel entstanden nicht auf einen Schlag. Das ist unlösbar, und das ist eine gute Nachricht: Je schwerer es uns fällt, die Grenzen zu ziehen, desto repräsentativer ist die Überlieferung. Bei den Vögeln ist das in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise eingetreten, und wir haben es miterlebt! Bei den Flugsauriern etwa warten wir noch, denn dort lässt sich immer noch eine klare Linie ziehen.
Bei den Vögeln greift dagegen das Kronengruppen-Modell. Nicht, dass es die tatsächlichen evolutionären Übergänge behandelte, indem es klare Grenzen zöge. Aber es sortiert Gruppen, ohne einen einzelnen Merkmalswechsel zur neuen Ära einer Gruppe zu erheben, nur damit sich Fachleute darüber verhaken können. Die Kronengruppe der Vögel bedeutet schlicht: Der letzte gemeinsame Vorfahre aller heute noch lebenden Vögel und alle seine Nachkommen, ob ausgestorbene Linien innerhalb dieser Verwandtschaft oder noch existierende, sind zweifelsfrei Vögel. Der gemeinsame Vorfahre von Straußen und Sperlingen oder von Kiwis und Papageien ist also vermutlich Vogel genug, dass wir bei fossilen Vertretern innerhalb dieses Spektrums annehmen dürfen: Ja, auch Diatryma gehört dazu, oder die Schreckensvögel, oder was auch immer. Rein formal, aber als Ordnungsprinzip recht hilfreich. Und es bringt uns nur bis in die späte Kreidezeit, was gerade einmal die Hälfte des Weges zwischen Archaeopteryx und der Gegenwart ist.
Damit ist klar, dass auch die Vorfahren dieses letzten gemeinsamen Vorfahren in ihren äußeren und inneren Merkmalen der Beschaffenheit von Vögeln entsprachen. Wir erwarten allerdings nicht, dass sie in das heute bekannte Spektrum fallen. Immerhin wurde die Definition der Vögel zu einer Zeit erstmals niedergeschrieben, als man sehr wenig über Fossilien wusste, geschweige denn über Evolution. Streng genommen ist alles zwischen Archaeopteryx und dem (unbekannten) letzten gemeinsamen Vorfahren der modernen Vögel nicht zweifelsfrei ein Vogel. Nach der Biologie der rezenten Formen, die gewissermaßen die Hoheit über Gruppennamen hat, können wir mit Sicherheit nur sagen, welche die nächsten lebenden Verwandten der Vögel sind und worin sie sich unterscheiden. In diesem Fall wären das die Krokodile. Das heißt, alles, was den Vögeln näher steht als den Krokodilen, steht unter dem allgemeinen Verdacht, irgendwann Vogelmerkmale entwickelt zu haben.
Und das deckt sich mit der Überlieferung, denn zu diesen sogenannten Stammvögeln zählen die Flugsaurier und verschiedene Linien, die wir Dinosaurier nennen und die in Atmung, Federentwicklung, Hirnbau und so weiter deutliche Tendenzen zu den Vögeln zeigen. Auch Brontosaurus und Triceratops sind Stammvögel, was verrückt klingt und sie nicht zu tatsächlichen Vögeln erklärt. Sie machen aber deutlich, dass wir ihre Beschaffenheit gewiss nicht in erster Linie von der Betrachtung der Krokodile oder gar der Echsen ableiten sollten. Sie sind zu etwas völlig Eigenem geworden, und diese Eigenart ist in den heutigen (Kronen-)Vögeln teilweise noch erhalten.
Fragen wir noch einmal: Seit wann gibt es Vögel? Jura ist so richtig wie falsch. Im Mittel ist uns das nicht genau genug. Die weiteste Definition – Avialae ab dem späten Mitteljura – ist künstlich und historisch gewachsen (wäre Archaeopteryx später entdeckt worden oder hätte er nicht über weite Strecken der Forschungsgeschichte als einzige Hauptquelle gedient, sähe die Geschichte ganz anders aus). Die mittlere Definition ist vage, wenn nicht subjektiv – Vögel lassen sich ihrer Natur nach nicht in scharfe Grenzen fassen, wo tatsächlich allmähliche Übergänge vorliegen. Bezahnung, Schwanzlänge, Fingerkrallen – all das unterliegt im Stammbaum der Kreidevögel gewissen An- und Aus-Phasen. Es bleibt nur die enge und strenge Definition der Kronengruppe, gewissermaßen die sichere Bank: Vögel im Sinne der modernen Vögel, der Neornithes, gibt es seit der späten Kreidezeit.
Forschungsgeschichtlich wäre dieser Zugang auch lange mit dem Erscheinungsbild der bekannten fossilen Vögel vereinbar geblieben. Wir kannten Zahnvögel, die im Skelettbau sehr modern wirkten, aber Zähne trugen. Das waren klare Zwischenstufen und in heutiger Terminologie Stammvögel. Wir kannten auch die Enantiornithes, zunächst aber sehr wenig, und mit zunehmend besseren Funden waren ihr Skelettbau und ihre Bezahnung ursprünglich genug, um wesentliche Unterschiede zu vermitteln.
Aber was ist mit Geschöpfen wie diesem hier (ich sollte endlich etwas zum Bild sagen) – das ist Archaeorhynchus. Nicht Archaeopteryx = alter Flügel, sondern Archaeorhynchus = alter Schnabel. Der Name sagt alles, denn Archaeorhynchus hatte in allen Entwicklungsstadien einen zahnlosen Schnabel. Stammesgeschichtlich steht diese Gattung noch am Anfang innerhalb der Kurzschwanzvögel (Pygostylia, genauer der Ornithothoraces), gehört also an die Basis der Euornithes, nur ein wenig näher an den modernen Vögeln als an den Enantiornithes. Es wäre falsch zu meinen, damit sei alles sauber sortiert. Auch Euornithes können Zähne haben, ausgenommen die bis heute lebende Untergruppe der Neornithes. Umgekehrt können Enantiornithes zahnlose Schnäbel haben. Dass Archaeorhynchus eine kräftige Kralle am vorderen Finger trägt, ist nicht so ungewöhnlich, denn es gibt zwar wenige, aber sehr verschiedene moderne Vögel mit derselben Kralle.
Vielleicht noch merkwürdiger ist, dass die Schwanzfedern eher schmückend als funktional wirken (ja, das ist aus der Weichteilerhaltung bekannt). Viele Kreidevögel waren in dieser Hinsicht allerdings recht experimentierfreudig. Einfache Stummelschwänze sind bei den Enantiornithes verbreitet, aber ich habe auch schon einen Zwergtaucher fliegen sehen (wenn man das so nennen will), und mit den Schwanzfedern ist da auch nicht viel los. Die Wahrheit darüber, warum Archaeorhynchus an der Basis der Euornithes steht, liegt in vielen kleinen Skelettmerkmalen, die in einer Matrix auf noch mehr kleine Skelettdetails anderer Vögel treffen und dem Rechner sagen: Mein Brustbein ist ein bisschen so, aber nicht ganz, und mein Becken ist in fünf Merkmalen moderner, in dreien aber noch eher ursprünglich, und so weiter. Das macht noch einmal deutlich, dass das Ziehen von Grenzen scheitern muss, selbst wenn wir dem letzten gemeinsamen Vorfahren der modernen Neornithes so nahe kommen.
Archaeorhynchus trägt allerdings etwas zu der Frage bei, was für Geschöpfe die Kreidevögel eigentlich waren. Wie oben erwähnt, hat das mit ihrer Einordnung als Kronen- oder Stammvögel nichts zu tun. Wir würden Archaeorhynchus stets als Vogel bezeichnen, wäre er ein lebendes Tier – was sonst? Aber Stammvögel dürfen in einer Weise aus der Reihe tanzen, wie es Vertretern von Kronengruppen nicht gegeben ist. Archaeorhynchus tut genau das mit seiner Wachstumsstrategie. Wir hatten vor einigen Jahren das Glück, einen Jungvogel untersuchen zu können. Neue Arten zu bestimmen, zu beschreiben und zu benennen schmeichelt dem Forscherherz, wäre bei sehr jungen Küken aber ohnehin heikel. In diesem Fall ist das Schöne, dass sich das Küken bestimmen lässt. Ein weiterer glücklicher Umstand ist, dass sowohl die halbwüchsigen und ausgewachsenen Exemplare von Archaeorhynchus als auch „unser“ Jungtier zumindest genug Gefieder bewahrt haben, um die Mindestlänge der Handschwingen messen zu können. Das Skelett des Jungtiers ist noch sehr unreif, und doch sind die Handschwingen proportional so lang wie die der erwachsenen Vögel. Das ist in der Tat ungewöhnlich.
Ein solches Paradox gibt es auch bei heutigen Vögeln, nämlich bei den Küken des australischen Thermometerhuhns, die nach dem Schlüpfen keinerlei elterliche Fürsorge erwarten dürfen, aber ab dem zweiten Tag kurze Strecken fliegen, mit gut entwickelten Flügeln und ohne ausgeprägte Schwanzfedern. Innerhalb der Neornithes wirkt das wie eine bemerkenswerte Anomalie. Einiges deutet darauf hin, dass es bei den Stammvögeln der Kreidezeit der Normalfall war. Auch andere Jungvögel scheinen sehr früh Schwungfedern zu entwickeln, die einzigen bekannten Fälle sind jedoch Enantiornithes. Da Archaeorhynchus auf einer anderen Linie steht, wird die Hypothese möglich, dass Vögel – und wieder stellt sich die Frage: welche? – allgemein aus einer Evolutionsstufe mit extrem früh einsetzender Flugfähigkeit stammen. Bedenkt man, dass auch Flugsaurier bereits flugfähig aus dem Ei schlüpften, könnten wir zu dem Schluss kommen, dass man im Mesozoikum bei flugfähigen Wirbeltieren zuerst das Gegenteil belegen müsste – nämlich, dass sie Nesthocker waren und die Flugfähigkeit erst später entwickelten. Aus dieser Sicht mag Archaeorhynchus äußerlich ein Vogel sein, seiner Beschaffenheit nach ist er aber keiner, wie wir Vögel kennen.



